Religiosität im alten Rom


Wie sowohl aus archäologischen als literarischen Zeugnissen hervorgeht, spielte die Religion in Rom eine herausragende Rolle: Es verging kaum ein Tag, an dem nicht öffentliche kultische Feiern abgehalten wurden, und es gab in der Stadt kaum einen Platz, an dem sich kein Tempel, Schrein oder Altar befand. Doch obwohl die traditionellen römischen Gottheiten überall präsent waren, verloren sie in spätrepublikanischer Zeit zunehmend an Bedeutung. Augustus reagierte ganz bewusst auf diese Entwicklung, indem er viele Heiligtümer erneuern und altehrwürdige Kulte wie die des Apollo oder des Mars in zeitgemäß adaptierter Form wieder aufleben ließ. Allerdings reichten auch diese Maßnahmen nicht dazu aus, den Verfall der traditionellen römischen Religion aufzuhalten. So blieben die alten Kulte in der Kaiserzeit zwar durchaus erhalten, wurden aber meist nur noch von einer Minderheit der Bevölkerung – in manchen Fällen wohl allein von den zuständigen Priesterkollegien – getragen. Eine spezielle Institution war der Herrscherkult. Er stellte ein staatlich geregeltes, meist pompös inszeniertes Ritual dar, das weit mehr der öffentlichen Bekundung politischer Loyalität als dem Ausdruck echter religiöser Empfindungen diente.

Großer Beliebtheit erfreuten sich in Rom hingegen die orientalischen Religionen, welche den Gläubigen ein glückseliges Jenseits versprachen. Der erste Mysterienkult, der in Rom offiziell Aufnahme und Anerkennung fand, war derjenige der Magna Mater, der im Jahre 204 v. Chr. aus Kleinasien eingeführt wurde. Da dieser Kult mit orgiastischen Ritualen verbunden war, stieß er noch in der Kaiserzeit auf Kritik und blieb dementsprechend auf relativ kleine Kreise beschränkt. Ähnlich verhielt es sich mit dem ägyptischen Kult der Isis, der sogar wiederholt – zuletzt unter Tiberius – verfolgt wurde. Allerdings gewann diese Göttin im Verlauf der Kaiserzeit zahlreiche Verehrer, wie nicht zuletzt die monumentalen Heiligtümer in der Stadt Rom deutlich machen. Die mit Abstand populärste Gottheit war jedoch Mithras. Dieser ursprünglich iranische Lichtgott wurde seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. hauptsächlich von Soldaten, Händlern und Handwerkern verehrt, und zwar in unterirdischen Kulträumen, in denen man nicht nur Opfer darbrachte, sondern auch Gelage abhielt. Auch wenn diese Säle meistens nur kleineren Gruppen von eingeweihten Männern Platz boten, ist dennoch bemerkenswert, dass allein in der Hafenstadt Ostia bisher 17 derartige Kultstätten bekannt geworden sind.

Die christliche Religion lässt sich in Rom schon seit dem mittleren 1. Jahrhundert sicher nachweisen. Da der radikale Monotheismus der Christen mit den römischen Vorstellungen unvereinbar war, wurde die Ausübung dieser Religion sehr bald offiziell verboten. Die erste große Verfolgung fand im Jahre 64 statt, als man nach dem verheerenden Brand Roms den Christen die Schuld an der Katastrophe in die Schuhe schob. Allerdings konnte auch staatliche Repression nicht verhindern, dass die Gemeinden laufend neue Mitglieder gewannen. Die Anhänger rekrutierten sich zunächst vor allem aus Sklaven und Freigelassenen östlicher Herkunft, doch kamen schon im 2. Jahrhundert mehr und mehr Angehörige – insbesondere Frauen – der Oberschicht hinzu. Gerade weil die straff organisierte Kirche ein immer größeres gesellschaftliches Gewicht erhielt, griffen manche Kaiser des 3. Jahrhunderts zu brutalsten Mitteln, um die Christen von ihrem Glauben abzubringen – freilich ohne Erfolg. Während Galerius mit seinem im Jahre 311 erlassenen Toleranzedikt den Verfolgungen ein Ende setzte, brach Konstantin mit der uralten paganen Tradition, indem er als erster Kaiser offiziell zum Christentum übertrat und so der neuen Religion zum endgültigen Durchbruch verhalf.

Dieser Beitrag wurde unter Religion, Römische Imperium veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.